3 Fragen an Michael Stoll

3 Fragen an Michael Stoll

Bei Michele Bavieras Verabschiedung im Januar war er dabei und kommentierte das Wetter von der Fähre aus mit einem Facebook-Posting. Seinen Arbeitsplatz hat der ehemalige Dozent von Tanja Bick-Mittelstaedt mittlerweile in Augsburg, wo er Professor für Informationsdesign ist. Tanja hat ihm drei Fragen gestellt…

Tanja Bick-Mittelstaedt: Als ich in Konstanz Kommunikationsdesign studiert habe, hattest Du dort einen Lehrauftrag. Und nicht nur in Konstanz, sondern auch in München, Darmstadt, Dieburg und Hagen. In Tübingen hast Du selbständig gearbeitet. War das nicht ein wenig viel?

Michael Stoll: (lacht) Ja, das war viel – viel Spaß! 1991 hatte ich bei Prof. Bernd Jahnke eine Abschlussarbeit über ein bis dato in Deutschland ziemlich unbekanntes Thema gemacht: die Infografik. Also das Erklären abstrakter oder komplexer Sachverhalte mit Hilfe erklärender Visualisierungen. Mit dieser Expertise waren damals in Deutschland weniger als 10 Designer unterwegs. In der Lehre gar keiner (außer Prof. Jahnke). Die Medien suchten händeringend Infografik-Experten: für Schulungen und fürs Design. So kam eins zum anderen. Da ich mich in Sachen Infografik auch international engagierte (z.B. in der Society for Newsdesign, www.snd.org), zähle ich heute weltweit viele Infografiker zu meinen Bekannten.

Als sich 2005 die Augsburger Hochschule das Potenzial der Infografik auch für die akademische Lehre erkannten, habe ich den Ruf angenommen. Bis heute ist Augsburg die einzige Hochschule in Europa, in der Infografik derart umfangreich im Curriculum verankert ist (als Studienschwerpunkt über 3 Semester hinweg mit durchschnittlich je 9 ECTS plus Praxissemester mit 20 ECTS). Die Studierenden sagen mir immer wieder, dass sie an der Infografik besonders das Faktische schätzen, und dass hier – im Vergleich zu anderen Design-Disziplinen – relativ frei, undogmatisch und nicht manipulierend gearbeitet wird.

Ich fühle mich im Berufsfeld Infografik jedenfalls pudelwohl.

Tanja Bick-Mittelstaedt: Du hast es ja erwähnt: Du bist Professor für Informationsdesign und Medientheorie in Augsburg. Aufwändige Infografiken finden immer mehr den Weg sogar in Tageszeitungen. Woran liegt das Deiner Meinung nach und wie beurteilst Du diesen Trend in Hinsicht auf die Herausforderung, vor der Zeitungen und Zeitschriften durch die digitalen Kanäle der Informationsübertragung stehen?

Michael Stoll: Infografik erweitert das Darstellungspotenzial der Medien um eine Form, die den Medien eigen ist: das faktisch orientierte Erklärstück. Medien können darüber also ihren Auftrag besser erfüllen. Infografiken sind visuell prägnant. Der Rezipient weiß also, was ihn erwartet. Dass Infografiken in der Folge auch vermehrt „gelesen“ werden, hat auch mit der Sozialisation der jüngeren Leserschaft zu tun. Zum einen mit dem von Hubert Burda beschriebenen „iconic turn“. Also der verstärkten Hinwendung zum Bild allgemein und zur bildorientierten Informationsvermittlung im Speziellen. Außerdem ist man heute viel stärker darin geübt, seine Aufmerksamkeit gleichzeitig auf mehrere Stimuli zu verteilen. Ich denke da nicht nur ans Twittern, während man im Restaurant seine Suppe löffelt, sondern auch an die – vor allem bei Nachrichtensendern – gebräuchlichen Splitscreens: Da werden Nachrichten verlesen, während die DAX-Kurse durchs Bild laufen, darüber der News-Ticker, rechts die Uhrzeit und links Live-Bilder des Vor-Ort-Teams zu sehen sind.

Ich glaube, Infografik ist mehr als ein Trend. Die Wucht, mit der GIS-Kartografie, Datenvisualisierung und 3D-Grafik in die Medien drängen, mag viele Gründe haben. Ich denke aber nicht, dass sich die Lust am Erkenntnisgewinn, der mit Hilfe der Infografik erzielt werden kann, beim Rezipienten in Zukunft durch irgendetwas substituieren lässt.

Die Verlagshäuser sind gut beraten, ihre Geschäftsmodelle auf breite Füße zu stellen, um im Wettbewerb mit den „digitalen Kanälen“ bestehen zu können. Integrative Strategien sind gefragt und Innovationsfreude. Dafür waren Medien lange Zeit nicht bekannt. Leider. Ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Strategie ist unsere Regionalzeitung „Augsburger Allgemeine“, der ja inzwischen auch der „Südkurier“ gehört. Die „Augsburger Allgemeine“ ist nicht nur horizontal über viele Medien aufgestellt (Zeitung, Magazine, Radiosender, TV-Sender), sondern auch vertikal über die Wertschöpfungskette hinweg.

Tanja Bick-Mittelstaedt: Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die ein junger Mensch mitbringen sollte, der Kommunikationsdesign (oder Ähnliches) studieren möchte?

Michael Stoll: Unser Studiengang Kommunikations-Design in Augsburg hat jedes Jahr durchschnittlich 400 Aspiranten (für 80 Studienplätze). Zur zweitägigen Eignungsprüfung (nach der Mappensichtung) laden wir ca. 160 Bewerber/innen ein. Im Verfahren prüfen wir natürlich die zeichnerischen und malerischen Fähigkeiten, aber auch konzeptionelle Fähigkeiten und das Ideenpotenzial. Im persönlichen Gespräch, versuchen wir, das über die Bewerbung zum Ausdruck gebrachte Interesse auf seine Ernsthaftigkeit hin zu ergründen. Wer sein Interesse an und seine Auseinandersetzung mit Design, Architektur, Kunst, Politik oder Gesellschaft glaubhaft vermitteln kann, wer sein „Herzblut“ diesen Bereichen verschrieben hat, der hat gute Chancen.

Leider – und das muss man hier auch einmal erwähnen – ermöglichen aktuelle Lehrpläne ein solches Engagement kaum. Das G8-Gymnasium hat sein Übriges getan und auch die Ausrichtung der Fachoberschulen auf das allgemeinbildende Abitur (FOS13) fördert die künstlerisch-gestalterische Vorbildung nicht unbedingt.

Wer heute Kommunikationsdesign studieren will, sollte auch eine ausgeprägte Neugier, Ausdauer und Teamfähigkeit mitbringen. Selbsteinschätzung und die Fähigkeit über gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren. Drei Eigenschaften? Reichen leider nicht. (lacht)

Tanja Bick-Mittelstaedt: Herzlichen Dank für diese ausführlichen Antworten, Michael.