3 Fragen an Jo Wickert

3 Fragen an Jo Wickert

Mit unserer neuen Website beleben wir nun auch wieder die Rubrik „3 Fragen an …“, in der wir Menschen, die uns und unseren Themen Kommunikationsdesign, Werbung, Online-Medien, Filmproduktion – allgemein: Kommunikation – nahe stehen, in kurze Gespräche verwickeln. Den Neustart macht Jo Wickert, den wir über unsere Freundschaft mit dem Studiengang Kommunikationsdesign der HTWG Konstanz kennen. Also los geht’s.

Jan Mittelstaedt: Jo, Du hast vor etwa fünf Jahren auf einer Podiumsdiskussion, bei der ich als Zuhörer war, gesagt, dass Du Dich fragst, ob es noch sinnvoll ist, Studierenden beizubringen, wie man Webseiten entwickelt und hast das mit den sozialen Medien begründet. Das fand ich schon damals eine kühne These. War das nur provokativ gemeint, oder glaubst Du wirklich, dass die sozialen Medien die eindirektionale Online Kommunikation wie zum Beispiel Unternehmens-Websites komplett ablösen werden?

Jo Wickert: Nein, dabei bleibe ich. Ich sehe diese Aussage durch die Entwicklungen der letzten Jahre bestätigt und glaube sogar, dass sich die Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden noch stärker in Richtung Dialog entwickeln wird. Schauen wir uns doch einmal die Entwicklung konkret an: Kein Unternehmen kann sich heute ohne responsive Webseite sehen lassen. Aber damit ändert sich nicht nur das Format, sondern auch der Kommunikationaufbau. Auf einem Smartphone acht Untermenüs und lange Texten zum ewigen Scrollen anzubieten wird nicht funktionieren. Die Unternehmen müssen mit der Entwicklung der digitalen Medien große Schritte auf die Bedürfnisse und Ansprüche Ihrer Kunden zugehen. Das geht nicht ohne Dialog. Das gilt sogar für den Investitionsgüterbereich, für den Consumerbereich sowieso. Aber es wird noch viel mehr ins Wanken geraten: Der Stellenwert vom Logo in der Außenkommunikation als CD-Element wird unwichtiger, Service und Kundenansprache dagegen wichtiger. Oder weniger hart ausgedrückt, wird die Idendität eines Unternehmens über das ausgemacht, wie es mit seinen Kunden – inzwischen hauptsächlich digital – spricht.

Jan Mittelstaedt: Die HTWG-Kommunikationsdesigner haben sich zwischenzeitlich im neuen, eigenen KD-Gebäude eingelebt. Du kennst auch die Zeit davor. Hat sich durch das neue Umfeld etwas an der Haltung der Studierenden geändert? Wie sieht das bezüglich der Lehrenden aus?

Jo Wickert: Wir lieben unser neues Gebäude. Nach meiner Auffassung prägt die Arbeitsumgebung eines Designers die Arbeitsweise und die Ergebnisse entscheidend mit. So ist es nur gut und richtig, dass wir nun ein so tolles Gebäude haben. Unsere Abschlussausstellung war vorher in dem Rahmen z.B. gar nicht möglich. Studio und Ausstattung bieten uns die allerbesten Vorraussetzungen. Der OneDay_VR ist ein Besipiel dafür, wie flexibel wir dies nutzen können. Ich betrete unser neues Gebäude immer mit Stolz und Motivation und ich bin mir sicher, dass ich da für alle Kollegen spreche.

Jan Mittelstaedt: Seit der Einführung des Bachelor gibt es auch für KDler nur noch ein Praxissemester. Genügt das Deiner Meinung nach? Warum (nicht)?

Jo Wickert: Viel hilft viel. Das gilt auch für den Praxisbezug. Aber die Struktur ist nun anders und wir müssen uns in diese einfügen. Wenn wir ehrlich sind, dann ist doch die „Generation Praktikum“ und der damit verbundene Unmut eine Folge der Studienverkürzung. Wenn Studierende nach 3,5 Jahren in Betriebe kommen und als vollwertige Arbeitskraft funktionieren müssen, dann ist das nicht für alle selbstverständlich und einfach. Ein zweites Praxissemester würde natürlich helfen, mehr Sicherheit, Routine und auch Selbstbewustsein in den Job mitzubringen.

Jan Mittelstaedt: Gerade habt Ihr an der HTWG wieder ein Semester „in die Wildnis“ entlassen. Welches sind aus Deiner Sicht die größten Herausforderungen, vor denen frischgebackene KD-Absolventen heute stehen?

Jo Wickert: Die Studierenden müssen verstehen, dass sie ihr eigener Berufs- Karriere- und auch Glücksmanager sind. Es gibt keine Automatismen einer lebenslangen Anstellung mit gleichmäßigen Aufstiegschancen mehr. Egal ob selbstständig oder in einer großen Agentur: Unsere Absolventen müssen in einem erweiterten Sinne unternehmerisch denken. Dabei geht es nicht um Zahlen oder Effizienz, sondern darum, dass man selbst und das Unternehmen, in dem man arbeitet, in einem unternehmerischen Zusammenhang steht. Dieses Denken müssen die Studenten von heute in Einklang mit ihrem künstlerischen und kreativen Potential bringen und damit letztlich alle weiter bringen.

Jan Mittelstaedt: Du kommst ursprünglich aus Süddeutschland, hast in Saarbrücken, Berlin und München gearbeitet, Dich dann aber vor 15 Jahren bewusst für die Bodenseeregion entschieden und dafür andere Angebote abgelehnt. Hattest Du keine Bedenken, aufs „gestalterische Land“ zu ziehen oder wird die Großstadt als Keimzelle exzellenter Kommunikation überschätzt?

Jo Wickert: Ja. Ich hatte Bedenken und habe sie auch heute noch. Die Bodenseeregion ist wirklich begnadet. Es ist wunderschön hier und auch wirtschaftlich eine starke Region. Eigentlich die beste Vorrausstezung, aber gleichzeitig besteht die Gefahr, sich zu schnell zufrieden zu geben. Ich persönlich habe deswegen ein zweites Büro in Berlin eröffnet, wo auch Mitarbeiter von mir arbeiten. Ich bin oft in Berlin und profitiere von der Inspiration und der Vielfalt einer großen Stadt. Gleichzeitig ist Berlin auch anstrengend und nervig. Ich bin meist nach ein paar Tagen froh, wieder am See bei meiner Familie zu sein. Manchmal denke ich, darf ich mich gar nicht trauen, laut zu sagen, wie toll es ist, das beste aus diesen zwei Welten kombinieren zu können.

Jan Mittelstaedt: Lieber Jo, danke Dir herzlich für das Gespräch. Es war so interessant, dass aus drei schließlich fünf Fragen wurden.
Über Jo Wickert:
Diplom-Designer Jo Wickert lehrt als Professor für Interface Design an der HTWG Konstanz im Studiengang Kommunikationsdesign. Sein Studium absolvierte er an der Hochschule für bildende Künste Saar, Saarbrücken. Wickert ist Mitbegründer von wmd-branding und dem Start-Up „user generated design“.  Zuvor arbeitete unter anderem als Creative Director und Teamleiter bei »Pixelpark« in Berlin und als Art Director und Creative Director bei »Medialab« in München.