Irgendwas mit Medien

Irgendwas mit Medien

Liebe Eltern, hier schreibt Ihnen ein Vater zweier Kinder, die sich beide derzeit in der weiterführenden Schule befinden. Zugleich schreibt Ihnen ein Personalentscheider einer Werbeagentur, die jedes Jahr unzählige Bewerbungen für BOGY, BORS, Girls’ und Boys’ Day und weitere Schülerpraktika erhält. Ich weiß also, wovon ich rede. Und ich möchte Sie an diesem Wissen teilhaben lassen, weil ich glaube, dass hinsichtlich dieser fantastischen Angebote – genau darum handelt es sich, nicht um Pflichtveranstaltungen – noch zu viel Unwissenheit herrscht. Und das, obwohl es seitens der Schulen eigentlich viele Informationen dazu gibt.

Eine der wichtigsten Fragen im Leben stellt sich relativ früh, nämlich die, welchen Beruf man einmal ausüben möchte. Kaum eine Entscheidung hat so nachhaltige Auswirkungen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mit 18 Jahren keinen blassen Schimmer hatte, was ich einmal werden wollte. Zum Glück warteten nach meinem Abgang von der Schule noch die 18 Monate Zivildienst auf mich, die mir etwas mehr Zeit gaben, mich zu orientieren. Und als die Ausbildung, die ich im Anschluss daran absolvierte, sich nicht als der ideale Weg herausstellte, beschloss ich, danach noch meine Fachhochschulreife nachzuholen und doch noch zu studieren. Heute weiß ich, dass dies genau der richtige Weg für mich war. Mit 27 Jahren traf ich zusammen mit meinen beiden Kommilitonen die Entscheidung, unsere Agentur zu gründen.

Sicher, ich war ein Spätzünder, doch wenn ich mir anschaue, dass meine Tochter nach heutiger Hochrechnung 17 Jahre sein wird, wenn sie das Abiturzeugnis in Händen hält, dann fällt mir schwer zu glauben, dass sie dann schon wissen wird, welchen beruflichen Weg sie einschlagen will. Doch zumindest wird sie bis dahin ein halbes Dutzend Berufe hautnah erlebt haben. Bis heute hat sie bei den Girls’ Days in die Berufsbilder Innenarchitektin, Modedesignerin und Architektin hineingeschnuppert. Ihr älterer Bruder hat an den Boys’ Days die Berufe Mediengestalter, Sportjournalist, Fliesenleger, Rechtsanwalt, Bankkaufmann und als BOGY Vertrieb und Marketing bei einem Internationalen Lebensmittelproduzenten in Italien kennengelernt.

Natürlich sind vor allem die Eintagespraktika nur kurze Blitzlichter, die nicht die Realität abbilden können. Dennoch ist jeder einzelne dieser Tage ein Tag mehr, als ich außerhalb von Ferienjobs Berufseinblicke hatte. In den 80ern gab es derlei Programme schlicht noch nicht. Fast alle dieser Angebote sind freiwillig und erstaunlich wenige Schülerinnen und Schüler nehmen sie wahr. Das finde ich schade.

Ich schreibe Ihnen das, weil ich Sie für die große Chance sensibilisieren möchte, die in diesen Schülerpraktika liegt. Und auch, weil ich glaube, dass es nicht Aufgabe der Schulen ist, unseren Kindern die Bedeutung klarzumachen, sondern unsere, die der Eltern. Die Schule macht das Angebot. Es zu nutzen, liegt bei uns. Und wir können dazu Einiges beitragen.

Zunächst: Erklären Sie Ihrem Kind, was das für eine Gelegenheit ist. Sensibilisieren Sie es für die Notwendigkeit einer reiflichen Überlegung und einer bewussten Entscheidung. Und helfen Sie Ihrem Kind bei der Identifikation möglicher Berufe und daran anschließend bei der Suche nach geeigneten Unternehmen. Hier dürfen Sie ruhig mithelfen, denn der Lerneffekt hinsichtlich des Schreibens der Bewerbung ist sicher auch nicht unwichtig, entscheidend ist aber, den richtigen Betrieb zum Reinschnuppern zu finden. Ein wenig Starthilfe kann nicht schaden.

Haben Sie gemeinsam mit Ihrem Kind einen Beruf identifiziert, dann überlegen Sie, ob Sie über direkte oder indirekte Kontakte die Chance erhöhen können, einen Platz zu bekommen. Hier darf ruhig noch das berühmte Vitamin B eingesetzt werden. Jeder kennt doch jemanden, der jemanden kennt. Und wenn Sie wirklich keine brauchbaren Kontakte haben, ist es auch nicht schlimm. Denn wenn Sie früh genug dran sind (mindestens ein halbes Jahr im Voraus, besser noch früher), stehen die Chancen nicht schlecht, solange Sie nicht einen der Kardinalfehler machen.

Einer davon ist ein Anschreiben, das den Satz enthält: „Wir müssen von der Schule aus ein Praktikum machen.“ Auf so eine Formulierung reagieren Arbeitgeber in der Regel nicht euphorisch. Schreiben Sie auch nicht an die sehr geehrten Damen und Herren, sondern an einen Menschen, den Sie zuvor recherchiert haben. Dieser Aufwand kann sich lohnen. Und erläutern Sie, bzw. Ihr Kind, warum es gerade bei diesen Betrieb reinschnuppern möchte. Bewerbungen sollten von Ihrem Kind geschrieben sein, bei aller sinnvollen Unterstützung durch die Eltern. Bewerbungen müssen nicht zwangsläufig per Post kommen, viele Betriebe bevorzugen sogar den Weg per E-Mail.

Wenn dann das Praktikum ansteht, gibt es auch noch ein paar Dinge zu beachten. Machen Sie Ihrem Kind klar, dass es sich zu benehmen hat. Sein/ihr Auftritt kann folgenden Jahrgängen die Türe verschließen. Geben Sie Ihrem Kind mit auf den Weg, dass es von dem Betrieb ein Entgegenkommen ist und daher Wertschätzung angebracht ist. Stellen Sie Ihr Kind darauf ein, dass in einer Praktiumswoche nichts Anderes mehr in den Kalender passt. Einige Firmen haben kein Problem damit, wenn ein Praktikant wegen der Musik- oder der Tanzschule, dem Karate- oder Fußballtraining früher gehen muss, aber es kann auch sein, dass das nicht so gut ankommt.

Abschließend: Wenn ich Schüler frage, was sie einmal werden wollen, höre ich buchstäblich von jeder/m Zweiten: »Irgendwas mit Medien.« Es ist diese Faszination für das, was uns täglich medial umgibt, die auch uns gefangen genommen hat. Für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, sich um einen Ausbildungsplatz für den »Traumberuf Mediengestalter« zu bewerben, habe ich hier auf der Website unter der gleichnamigen Blog-Kategorie regelmäßig neue Inputs.

Ich weiß, dass ich mich mit diesem Blogpost der Gefahr aussetze, noch mehr Bewerbungen für Schülerpraktika zu erhalten. Ich kann Ihnen versichern, dass wir viel tun, um Schülerinnen und Schülern Einblicke in unser Berufsbild zu geben. Zugleich bitte ich Sie um Verständnis dafür, dass wir nur einen kleinen Teil der Bewerber aufnehmen können. Wir werden weiterhin unser Bestes tun, um jungen Menschen bei der beruflichen Orientierung zu helfen.

Herzlich

Ihr Jan Mittelstaedt