Die Antennenwoche

Die Antennenwoche

Wer bei der Vorbereitung auf die Bewerbung um einen Mediengestalter-Ausbildungsplatz einmal die eigene Kommunikationsdesign-Wahrnehmung testen möchte, kann sich eine einfache Frage stellen: Welches sind die letzten drei Plakate, an die ich mich erinnern kann und wo in meinem Ort hängen diese genau? 

Welches sind die letzten drei Zeitungsanzeigen, die letzten drei Radio- oder Werbespots? Für wen oder was haben sie geworben und woran kann ich mich noch erinnern? Ganz oft wird die Antwort lauten: Gar nicht so einfach. Oder: Ich kann mich an einen genialen Werbespot erinnern. Aber ich weiß nicht, für welches Produkt er geworben hat. Keine Angst, das ist noch kein Zeichen dafür, dass man für den Mediengestalter-Job nicht geeignet ist. Aber es sollte einem doch zu denken geben: Interessiert mich das, was bei diesem Beruf entsteht, wirklich? Oder ist es eventuell nur der eigentliche Prozess des Mediengestaltens, der mich fasziniert?  

Für eine Werbeagentur wie wir es sind, ist der Weg nicht das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel. Das bedeutet, dass wir dann zufrieden sind, wenn wir das Ziel des Kunden erreicht haben. Auf welchem Weg wir das geschafft haben, also welche Medien wir eingesetzt haben, ist nicht entscheidend. Mediengestaltung aber ist immer beides: der Weg und das Ziel. Nur wer den Weg gehen kann, wer also das Handwerk beherrscht, kann überhaupt zum Ziel kommen. Aber nur, wer die verschiedenen Ziele kennt, die andere vor ihm erreicht haben, kann einen ganzheitlichen Blick auf die Aufgabenstellung entwickeln. Die gute Nachricht: Man kann die Begeisterung für gutes Kommunikationsdesign entwickeln, indem man sich genauer mit den Ergebnissen beschäftigt. Und der erste Schritt dieser Beschäftigung kann eine „Antennenwoche“ sein. 

Bei der Antennenwoche handelt es sich um einen zeitlich begrenzten Arbeitsauftrag an sich selbst. Es geht darum, die eigenen Antennen aufzustellen und ganz bewusst das wahrzunehmen, was um uns herum an Kommunikation auf uns einwirkt. Das Ergebnis der Antennenwoche ist ein kommentiertes Protokoll mit den eigenen Beobachtungen. Also mehr als nur ein Tagebuch. Es geht um präzises Beobachten und systematisches Dokumentieren und Bewerten.  

Die erste Erkenntnis ist meist, dass es beeindruckend ist, wer und was alles in unserer Umgebung das Ziel verfolgt, mit uns zu kommunizieren. Das können neben der plakativen Werbung zum Beispiel auch Leitsysteme aller Art und sonstige Beispiele aus dem weiten Feld des Informationsdesigns sein. Der Fahrplan an der Bushaltestelle gehört zur Antennenwoche ebenso dazu wie das Hinweisschild im Bürgerbüro, auf welchem der Weg zu den unterschiedlichen Ansprechpartnern dargestellt wird. Es geht um das bewusste Wahrnehmen von Kommunikation.

Die Aufgabe lautet nun, zunächst all das zu erfassen und es anschließend zu systematisieren. Die Dokumentation lässt sich mit Stift und Papier am besten in Verbindung mit einer Handykamera realisieren. Die Fotos sind deshalb notwendig, da es manchmal etwas Abstand und auch eines vergleichenden Gegenüberstellens verschiedener Lösung für dieselbe Aufgabenstellung bedarf, um erkennen und begründen zu können, warum was wie umgesetzt wurde. 

Bei der systematischen Analyse kann eine Checkliste mit analytischen Fragen helfen. Zum Beispiel: Wie trägt die Verwendung von Schrift zur Wirkung bei? Wie wird mit Bildern, Farben, und so weiter umgegangen? Was ist das kommunikative Konzept und wirkt es für mich schlüssig? Eine subjektive Bewertung ist hier durchaus sinnvoll und kann ein großer Spaß sein, wenn man Jahre später mit dann hoffentlich viel Berufserfahrung dieses Protokoll aus dem Archiv zieht. 

Die Checkliste hilft im Übrigen auch dabei, gezielt nach unterschiedlichen Kommunikationsarten zu suchen. Das Ziel könnte zum Beispiel sein, zehn Plakate, zehn Printanzeigen, zehn Leitsysteme, zehn Mal Marke im Raum, und so weiter zu entdecken. Klingt aufwändig, ist es aber überhaupt nicht. Denn wir bewegen uns in einem Kommunikations-Kosmos. 

Abschließend noch ein Tipp: Das Ergebnis der Antennenwoche kann – natürlich sorgfältig gestaltet – durchaus als ernstzunehmende Arbeitsprobe zu den Bewerbungen hinzugefügt werden. 

Dieser Text ist Teil der Serie „Traumberuf Mediengestalter“. Unter diesem Label bloggt Jan Mittelstaedt über einen der beliebtesten Ausbildungsberufe und wie es Bewerberinnen und Bewerber bis ins Bewerbungsgespräch schaffen können. Hier geht es zur Übersicht der bereits erschienen Beiträge.