3 Fragen an Waltraud Kässer

3 Fragen an Waltraud Kässer

Wir haben mal wieder drei Fragen gestellt. Dieses Mal an Waltraud Kässer, die wir im OB-Wahlkampf kennenlernen durften und die mit ihrem Weblog see-online.info die Medienlandschaft in Konstanz und am Bodensee bereichert. Das Ergebnis: Spannende, teils provokative Einschätzungen der Zukunft lokaler Nachrichten.

Jan Mittelstaedt: Waltraud, Du betreibst seit Jahren einen Blog, auf dem die Leser vor allem Neuigkeiten aus Konstanz lesen können. Wieso tust Du das?

Waltraud Kässer: Schreiben macht mir Spaß. Ursprünglich komme ich aus dem Journalismus mit Volontariat bei einer Tageszeitung und allem Drum und Dran. Mein Geld verdiene ich heute hauptsächlich mit PR-Texten. Auf meinem Blog bin ich frei, kann kreativ sein und schreibe über das, was mir persönlich wichtig ist und was vielleicht auch ein paar andere Leute interessieren könnte. Am Anfang hatte ich die Idee, dass sich mit Werbebannern sehr gut Geld verdienen lassen müsste. Der Supermarkt mit seinen Sonderangeboten oder die Konstanzer Buchhandlung, die wie Amazon Bücher frei Haus liefert, sind vom Blog aus nur einen Klick weit entfernt. Das mit der Online-Werbung war aber leider ein Trugschluss. In vielen Unternehmen sitzen noch immer Entscheider, die das Web unterschätzen. Das Geschäftsmodell funktioniert noch nicht.

Jan Mittelstaedt: Wie siehst Du die Veränderungen der Medienlandschaft im Hinblick auf Deinen Erfahrungshintergrund?

Waltraud Kässer: Das Web hat nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Medienwelt auf den Kopf gestellt. Heute noch Nachrichten in gedruckten Tageszeitungen zu lesen, ist wie mit dem Pferdefuhrwerk zu fahren. Ich bin überzeugt, dass wir in vielen Städten, auch in Konstanz, in spätestens fünf Jahren keine gedruckte Lokalzeitung mehr haben, die täglich erscheint. In den USA ist das heute sogar in großen Städten wie New Orleans oder Harrisburg schon so. Ich glaube, dass es auch bei uns – so wie in den USA – immer mehr Blogs geben wird, die unterschiedliche Nischen besetzen, über Lokales oder zum Beispiel die Baskets berichten. Man redet hier vom Long Tail. Sie müssen aber professionell gemacht sein. Nichts ist ermüdender als schlecht geschriebene Texte zu lesen. Kommunen werden ihren Bürger in Zukunft Stadtnachrichten auf gut gemachten Websites selbst anbieten. Im Moment ist Google eine Art Zeitungskiosk im Web, der die User zu den Online-Auftritten der Nachrichtenanbieter bringt. Die Kostenloskultur im Web ist aber ein Problem. Wenn niemand mehr bereit ist, für Journalismus Geld zu bezahlen, wird es eines Tages keinen unabhängigen Jounalismus mehr geben – oder nur noch einige wenige Premiumprodukte. Recherchieren, kritisch hinterfragen und einordnen ist Arbeit und Arbeit muss bezahlt werden, wie auch immer. Das Leistungsschutzrecht, bei dem Suchmaschinenbetreiber Verlagen Geld dafür bezahlen sollen, dass sie Links ins Netz stellen, ist aber trotzdem der falsche Weg. Das wäre, wie wenn der Kioskbesitzer dafür zahlen müsste, dass er Zeitungen an seinem Kiosk auslegt.

Jan Mittelstaedt: Wie sieht Dein Blog in fünf Jahren aus?

Waltraud Kässer: Keine Ahnung. Alle zwei bis drei Jahre muss es einen Relaunch geben. Im Moment wünsche ich mir weniger Firlefranz, ein möglichst schlichtes Blog, schwarze Schrift auf weißem Hintergund, kleinere Spaltenbreite, alles noch klarer strukturiert, übersichtlicher und lesbarer. Die Texte werden in 5 Jahren kürzer sein, Fotos, Videos und Podcasts werden eine wichtigere Rolle spielen. Ich denke, dass das Blog in Zukunft vor allem auf Smartphones und Tablets gelesen wird. Da die Tageszeitung voraussichtlich nur noch zweimal wöchentlich gedruckt erscheint und im Web vielleicht immer noch mit Bezahlkschranken experimentiert, lesen die Konstanzer in 5 Jahren lokale Nachrichten längst auf ihren lokalen oder Sportblogs, die sich über Werbung oder freiwillige soziale Bezahlsysteme finanzieren. See-Online ist eines dieser Blogs. Das Neueste steht immer oben.

Jan Mittelstaedt: Vielen Dank für Deine Antworten, Waltraud.

Über Waltraud Kässer: Hat Politikwissenschaft und Germanistik an der Uni Konstanz studiert, Berufspraxis in Journalismus und PR, wohnt in der Konstanzer Altstadt, gründete 2009 ein lokales Blog, lebt von PR-Aufträgen, interessiert sich für Medien- und Netzpolitik, mag in der Freizeit am liebsten Outdoor-Aktivitäten, gießt den Oleander und den Olivenbaum über den Konstanzer Dächern, bevorzugt spannende Thriller.

Hier geht es zum Blog: www.see-online.info